Was ist Friluftsliv?

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von Vera Oostinga

FL (´Freiluftleben´) bezeichnet in Skandinavien ein Phänomen des „In-der-Natur-aktiv-seins“ und dabei die Facetten der Natur und sich selbst, alleine oder mit anderen erleben. Es geht darum, draußen zu leben/sein und um die Ideen und Ansätze eines nachhaltigen Lebensstils. FL ist der Aufenthalt und die körperliche Aktivität in der freien Natur in der Freizeit, wobei ein Hauptmerkmal auf Umweltveränderungen (deren Reflexion) und dem Erlebnis in der Natur liegt. FL stimuliert und entwickelt den Intellekt, die Fantasie, schult die Sinne, stärkt physisch, psychisch und das soziale Verantwortungsgefühl. Hauptcharaktere und andere wichtige Personen im FL sind Fridtjof Nansen, Roald Amundsen, Frederik Arentz, Claus Helberg, Henry David Thoreau, Nils Faarlund, Lars Monsen, Arne Naess, J.J.Rousseau und John Dewey.

 

FLP entspricht einem handlungsorientierten Ansatz, der “Kopf, Herz und Hand“, also Denken, Fühlen, Handeln im Zusammenhang betrachtet und damit Theorie und Praxis verbindet. Das ganzheitliche Lernen steht im Vordergrund. Erlebnisse wirken auf der Ebene des Körpers und der Psyche. Eigene Ressourcen und Fähigkeiten sollen entdeckt, gezeigt, genutzt werden und neue Wege ausprobiert werden, um den eigenen Handlungsspielraum zu vergrößern. Praktisches Erproben und konkretes Handeln sind grundlegende Elemente der FLP. FLP baut auch auf Erfahrungslernen auf. Das kann sich bereits aus scheinbar harmlosen Situationen ergeben und muss nicht immer pädagogisch intendiert sein. Die zentralen Merkmale der FLP sind das Vegledning (´Wegleitung´) als Leitungsform und Methode, die Gruppe als Arbeitsform und Gemeinschaft und das Lernen durch Erlebnisse in der Natur. Die Pädagogisierung von FL erfolgte vorrangig in Schweden durch die Wissenschaftler Björn Tordsson, Klas Sandell, Britta Brügge, Matz Glanz u.A.

 

Ziele der FLP:

  1. Umgang mit freier Natur, Zufriedenheit, Erleben von höherer Lebensqualität, bessere Motorik, Erleben von Natur in der Kindheit führt zu höherer Lebensqualität im Alter, psychozial stabiler (Stress…)
  2. Verhältnis zur freien Natur aufbauen, verantwortungsbewusster Umgang mit Vielfalt und Qualität von Natur, Zugehörigkeitsgefühl kann Grundlagen für Natur- und Umweltbewusstsein legen (Naturerlebnisse -> Vielfalt entdecken -> Zusammenhänge erfassen -> Beeinflussen und Mitwirken -> Verantwortung übernehmen), Natur wird im Kontext mit weltweiten Umweltproblematiken gesehen, tieferes Verständnis der Konflikte
  3. Fähigkeiten entwickeln, um Alltagshandlungen kritisch zu beurteilen, verändertes Bewusstsein in Bezug auf zwischenmenschliche Verhältnisse, positives Verhältnis zur Natur und soziale Komeptenz wird in Alltag der TN transferiert -> Verhaltensveränderungen im Alltag
  4. Inspiration für anderen Lebensstil sein (Innen reicher, aussen schlichter), einfache Leben auf Touren -> innere Ruhe, Einmaligkeit des Lebens verdeutlichen, Wertevorstellungen ändern sich (statt Besitztümer, Aussehen, Arbeitsstelle, Status zählen unterwegs Klarsicht, Planung, Kreativität, Fitness, Durchhaltevermögen; materielle Werte vs. alternative Werte; alle TN sind gleich, eigentliche Lebensbedürfnisse werden erkannt)
  5. Kompetenz bezüglich Zusammenarbeit und Mitverantwortung als Voraussetzung für persönliche Weiterentwicklung (notwendige Aktivitäten der TN beziehen sich aufà Wärme-Wasser-Nahrung-Schutz-Kontakt)

 

Die Lernziele der FLP liegen überwiegend im Bereich der Kompetenzentwicklung besonders individueller und sozialer Kompetenzen:

  • Persönlichkeitsentwicklung/Sinnfindung/Wohlbefinden,
  • autonome/selbstbestimmte Handlungskompetenz,
  • bessere Wahrnehmungsfähigkeit/Bewegungserfahrung,
  • bessere Teamfähigkeit,
  • Verantwortungsbewusstsein,
  • Kommunikationsfähigkeit/Verständigungsbereitschaft,
  • ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein

 

FL kann sowohl Ziel (Draussen-sein-wollen) als auch Methode (Wissensvermittlung) sein. Als spezielle prozessorientierte Vermittlungsmethode baut sie auf die Arbeitsform in der Gruppe und der Begegnung in der Natur auf. Die Entscheidung ob FL als Ziel oder Methode eingesetzt wird, richtet sich nach der Motivation mit der es betrieben wird.

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Eine wichtige Methode innerhalb der FLP ist die Kleingruppenarbeit. Die Gruppe bietet den Raum für´s Akzeptiertwerden und Angenommenwerden, Kommunikation wird geschult und Zusammenhalt ist erforderlich. Eine Gruppe lebt von den unterschiedlichen Beiträgen jedes Einzelnen. Sie ist eine Lernchance, um eigene Denk- und Handlungsgewohnheiten zu überprüfen und alternative Möglichkeiten zu entwickeln. Die Sicherheit auf Tour z.B. ist abhängig von einer funktionierenden, verantwortungsbewussten Gruppe. Die Erfahrung des Zusammenlebens, Zusammenarbeitens, der Kooperationsbereitschaft und Aufgabenverteilung führt zu einem „Wir“-Gefühl, das sehr stark sein kann. Manchmal handelt es sich sogar um eine „Überlebensgemeinschaft“ besonders im Winter. Gruppenkonflikte basieren demnach auf schlechter bzw. keiner Kommunikation, können aber auch durch Missstimmungen, Unbehaglichkeiten, Unlust oder schlechter Laune (Blasen, Nässe, Angst, Zweifel, Müdigkeit, Gruppendruck, Gemeinschaftsgepäck tragen müssen…) hervorgerufen werden.

 

Eine grundlegende Methode der FLP ist das Vegledning, die Gruppenleitung, bei welcher der Mensch der Natur begegnet, aber auch sich selbst aktiv wahrnimmt. Dies baut auf der pädagogischen Philosophie auf, dass Natur wertvoll ist und sorgsam mit ihr umgegangen werden muss. Der FL-Leiter ist ein TN im Gruppengeschehen aber mit besonderer Stellung (er gibt Orientierung, muss Situationen beurteilen, beobachten, Anregungen geben, Problemlösungen aufzeigen, sollte sich zurücknehmen können, aber auch eingreifen können bei falschen/gefährlichen Entscheidungen). Der Leiter hat die Verantwortung für die Gruppe, was einem aktiven „Sichkümmern“ entspricht!

Eine weitere Methode und wichtige Grundeinstellung in der FLP ist das ´Learning by Doing´, bei der der Mensch als aktives, suchendes Wesen aufgefasst wird, das dadurch zu Selbsterkenntnis kommt und reflektiert, was und warum er etwas tut. Dies führt zu Einsicht und Handlungskompetenz. Erlebnisse und Erfahrungen werden durch ihre Reflexion besonders nachhaltig. Das Vegledning baut auf dem ´Learning by Doing´ auf.

 

Der Ernstcharakter von Situationen ist ein wichtiges, methodisches Element, das reale Anforderungen, Entscheidungsfindung und direktes Umsetzen der getroffenen Entscheidungen umfasst. Lernen findet hierbei in authetischen Situationen in der Natur statt und führt durch die gemachten Erfahrungen/Erkenntnisse zu nachhaltigerem Lernen.

 

Die Reflexion hat einen hohen Stellenwert in der FLP. Sie kommt einem Grundbedürfnis der menschlichen Psyche gleich, das Mit-Teilen-Wollen von Erlebnissen und Erfahrungen. Durch die intellektuelle Aufarbeitung des Erlebten (Reflexion) entsteht eine prägende Wirkung, welche Verinnerlichung und damit Transfer der Erkenntnisse in das Alltagsleben ermöglicht. In der FLP geht es um das direkte Erleben ´mit dem ganzen Körper´ und den anschliessenden Bericht darüber, was man gelernt/gefühlt hat. Durch Reflexion wird die Einsicht in das eigene Handeln gefördert und Kritik annehmen können bzw. reflektieren geübt.

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Für den Transfer ist die Kontinuität über eine FL-maßnahme hinaus wichtig z.B. durch Nachfolgeveranstaltungen oder längere Zeit bestehende Gruppen. Hilfreich ist in jedem Fall, wenn FL auch als Lebensphilosophie bzw. Kulturmerkmal aufgefasst wird. FL kann Begleiter auf dem gesamten Lebensweg sein.

Unterschiedliche Transfermodelle sind:

  • spezifischer Transfer: fachspezifisches Wissen/Erfahrungen werden auf nah verwandte Bereiche übertragen;
  • unspezifischer Transfer: allgemein erlernte Prinzipien/Verhaltensweisen werden in anderen Situationen angewendet;
  • metaphorischer Transfer: individuell zugeschnittene Aufgaben und Erlerntes kann leicht in den Alltag übertragen werden

(Quelle: Swantje Bittner, „Friluftsliv – ein pädagogischer Ansatz“)