Ich bin doch ein Mensch

Reflexion des Friluftslivs

András Dallos

Durch die Module in der Friluftsliv – Pädagogik, habe ich immer zuerst meine Tollpatschigkeit erlebt. Ich war ungeschickt. Das Leben in der Natur ist doch unbequem, nicht für mich – dachte ich. In der Natur auf Toilette zu gehen zum Beispiel war eine Qual. Es regnet. Ich möchte Kaffee trinken. Ich bin müde. Mein Bauch tut wieder weh. Ich habe heute mit meinen Kontaktlinsen geschlafen. Es ist dunkel, kalt und nass! Ich muss Holz sammeln, Gemüse schneiden. Ich habe zu wenig Wasser mitgenommen. Ich muss meine Zähne putzen im Dunkeln. Wildschweine?! Nein, nur Mücken und Zecken!

Der Kontrast zu meinem alltäglichen Leben war zu groß. Ich brauchte mehr Zeit mich wieder in der Natur wiederzufinden. Die Gruppe und die Leitung von Vera – ihre Haltung – haben mir dabei sehr viel geholfen. Ich erinnere mich an das erste Modul, wo wir für eine bestimmte Zeit allein im Wald verbrachten haben. Das haben wir später noch ein paar Mal gemacht und ich bin dabei immer eingeschlafen. Einmal auf Eis. Ich habe mich mit der Zeit in der Natur in Sicherheit, geborgen und Zuhause gefühlt.

In der Natur habe ich erlebt, wie ich funktioniere. Schon seit Jahren. Was ist aus mir geworden in der Stadt? Was für ein Mensch bin ich geworden? Die Welt versucht mich zu verwöhnen. Ich muss mich nicht mehr um mich sorgen. Ich genieße diese Lage. Aber ich zahle mit mir selbst dafür. Ich werde ein Konsument. Ich koche nicht mehr für mich zum Beispiel. Warum? Es lohnt sich nicht, kostet zu viel Zeit. Und übrigens ist es billiger so. So esse ich das, was die Hersteller für mich vorbereitet haben. Ich muss mich nicht bewegen, wenn ich mit Bus, S-Bahn oder mit U-Bahn fahren kann. Und dann lande ich bei der Orthopädie, wie vor zwei Wochen, weil meine Muskeln nicht richtig funktionieren. Mein Körper muss sich in der Stadt nicht unbedingt anstrengen und bewegen.

Ich – als Konsument – bin ständig abgelenkt von mir selbst. So vergesse ich mich selbst langsam. Ich vergesse meine Hobbies. Ich vergesse meine Freunde. Ich werde immer mehr abgekapselt, starr und passiv. Ich vergesse mein Leben, meine Persönlichkeit. Bin ich noch ich?

Das Friluftsliv hat mir geholfen, mich wieder als Mensch zu erleben. Ein Mensch, der tätig und aktiv ist. Jemand, der lebt und mit anderen leben kann. Ein Sozialmensch, der sowohl für sich, als auch für andere sorgt. Ich trage die Verantwortung für mich selbst und für die Gruppe. Ich gebe das nicht ab. Ich habe Kraft. Ich habe Ideen. Ich kann die Schwierigkeiten lösen. Wenn nicht allein, dann zusammen mit anderen. Ich bin kooperativ. Ich sehe um mich herum. Meine Augen sind aktiv. Ich höre zu, meine Ohren sind aktiv, wie mein ganzer Körper auch. Ich spüre die Welt um mich und mich selbst auch. Ich muss mich nicht eilen. Ich habe keinen Druck von der Gesellschaft.

Ich atme auf. Ich werde nicht gelebt, sondern ich lebe.

Dankeschön Vera!

„Wenn man durch den Wald mit seinen dunklen Schatten und den Lichtflecken wandert und plötzlich an eine Lichtung kommt, auf eine grüne Wiese, umgeben von stattlichen Bäumen, oder an einen funkelnden Bach, dann wundert man sich, warum der Mensch seine zur Natur und zur Schönheit der Erde, zu einem fallenden Blatt oder einem abgebrochenen Zweig verloren hat. Wenn Sie die Nähe zur Natur verloren haben, werden Sie unweigerlich auch die Beziehung zueinander verlieren. Natur besteht nicht nur aus Blumen, dem schönen grünen Rasen oder dem plätschernden Wasser in Ihrem kleinen Garten, sondern aus der ganzen Erde mit allem, was darauf ist. Wir nehmen an, dass die Natur zu unserem Gebrauch, zu unserer Annehmlichkeit da ist, und verlieren so die Verbindung mit der Erde…Wir leben in einer Scheinwelt, die zur Wirklichkeit geworden ist.“

                                                                                                                      Krishnamurti, 1978

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